Innere Krisen und die Kunst

Rege Publikumsdiskussion mit PD Dr. Thomas Röske (li.) und Dr. Michael Lammertink (re.) nach dem Vortrag. (Foto ©Ingo Beller)

Kunsttherapeutin Sabin Reichert dankte den "mittwochsmalerInnen" für ihre mutige Öffnung. (Foto ©Ingo Beller)

Im abendlichen Klinikkonzert spielte Pianistin Maria Ivanova den Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgskij. (Foto ©Ingo Beller)

18. Dezember 2018

Der große Thementag "Kunst in der Psychiatrie" im Wittlicher St. Elisabeth Krankenhaus zog Mitte Dezember viele Interessenten an.

  Von: sz

Mit Vortrag, Ausstellungsvernissage und abendlichem Konzert hatten die Organisatoren der Abteilung für Psychiatrie und Psychiatrie ein attraktives Programm geplant. Seit 15 Jahren bietet das Therapeutenteam ein sogenanntes Ambulanz-Atelier, in welchem Patienten künstlerisches Arbeiten mit unterschiedlichsten Materialien erlernen können. Sie finden alternative Wege sich auszudrücken - inneres Geschehen darzustellen und damit auch einzuordnen. Einmal pro Woche treffen sich im Atelier Menschen, die auch nach ihrer Klinikentlassung die besondere Atmosphäre, das Miteinander und die Begleitung durch Ergo- bzw. Kunsttherapeuten nicht missen möchten. Die mittwochsmalerInnen heißt diese Gruppe und ebenso die aktuelle Gemäldeausstellung im St. Elisabeth Krankenhaus, mit einer Auswahl dort entstandener Kunstwerke.

Zur Ausstellungsvernissage hatte Chefarzt Dr. Michael Lammertink Herrn PD Dr. Thomas Röske eingeladen, Leiter der bekannten Prinzhorn-Sammlung am Heidelberger Universitätsklinikum. Er beleuchtete in seinem Vortrag die Einordnung und Rezeption künstlerischer Werke psychisch kranker Menschen. Im Französischen als l'art brut (rohe / ungeschliffene Kunst) oder im Englischen als "Outsider-Kunst" benannt, sind die im Rahmen psychiatrischer Klinikaufenthalte entstandenen Bilder seit ca. 1870 Gegenstand intensiverer ärztlicher Betrachtung. Würden spezielle Darstellungen oder Bildbestandteile generell auf bestimmte Krankheitsbilder hindeuten? Erstmals begann das Heidelberger Klinikum die Zeichnungen von Psychiatriepatienten für diagnostische Analysen aufzuheben. Ab 1919 erweiterte der Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn den vorhandenen Grundstock an Werken: die heutige umfangreiche öffentliche Sammlung trägt seinen Namen. Doch worin genau sollten sich im künstlerischen Ausdruck die Merkmale psychischer Erkrankungen zeigen? Röske erläuterte Deutungsansätze von Psychiatern im 19. und 20. Jahrhundert und verwies auf ihren Missbrauch im nationalsozialistischen Gedankengut im Rahmen der sogenannten "entarteten Kunst".

Während Prinzhorn von einer "Eruption des Unbewussten" im Patienten ausging, ist die heutige Sicht auf diese Kunst eine andere. "Jedes der Bilder will kommunizieren", so Röske. In der laienhaften Annäherung, ohne professionelle Maltechniken und Hilfsmittel, sei eine innere Botschaft des malenden Patienten spürbar, die ihren Ausdruck sucht. Treibende innere Krisensituationen. Erwartbares wird dabei oft überschritten, betont der Ausstellungsleiter, denn das innere "Ich kann doch gar nicht malen" würde einfach nicht beachtet. Psychiatrische Kunst scheint oft aus ihrer Zeit zu fallen, entspricht nicht den gängigen Kunstströmungen. Diese Überraschungsmomente, sprechen seit den 1970er Jahren auch Sammler im internationalen Kunsthandel an. Die beeindruckende künstlerische Leistung der Outsiderart rückte in den Fokus, ihre Entstigmatisierung begann.

Diese Wahrnehmung will auch die aktuelle Ausstellung aus dem offenen Kunstatelier der Psychiatrie stärken. Kunsttherapeutin Sabine Reichert dankte in der Vernissage den "mittwochsmalerInnen" für ihre mutige Öffnung. Die beeindruckende Ausstellung wird noch bis zum Februar 2019 in und vor der Cafeteria im Wittlicher Krankenhaus zu sehen sein.

Kontakt

Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich

St. Elisabeth Krankenhaus
Koblenzer Str. 91 • 54516 Wittlich
Telefon: 06571/ 15-0
Telefax: 06571/ 15-3 99 90
Pforte / Info besetzt: 24 h 

Cusanus Krankenhaus
Karl-Binz-Weg 12 • 54470 Bernkastel-Kues
Telefon: 06531/58-0
Telefax: 06531/ 58-1 99 90
Pforte / Info besetzt: 5.30 - 21.30 Uhr

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